Crisis? What Crisis?
Wer das Cover des Supertramp-Albums nicht kennt, dem habe ich es noch mal als Bild angehängt. (Zum Vergrößern könnt ihr die Bilder anklicken)
Ich habe den Bericht nach der Ankunft in dem Golf-Resort schon mal angefangen, aber dann doch wieder aufgehört, weil mir das alles zu negativ vorkam und ich nicht wusste, warum wir überhaupt hier sind.
Schwer zu sagen, was wir hier tun und was es uns bringt. Heute am letzten Tag weiß ich es: Wir sind hier um den Unterschied genau zu empfinden – den Unterschied zwischen Hawai’i und Amerika. Wenn ich rausgucke, sehe ich Amerika. Wenn wir rausfahren, können wir nach Hawai’i kommen.
Also vor unserer Nase sitzen die Amerikaner nicht unterm Sonnenschirm wie auf dem Crisis-Bild, sondern spielen Golf. Einen Unterscheid kann man kaum feststellen – nur das der Eine sitzt und die anderen sich bewegen. Gleich beschreibe ich wie sie sich bewegen.
Also hier ist es schön. So schön, wie man das als Amerikaner sich eben ausdenkt. Dieses Golf-Resort steht ziemlich leer. Da es aber sehr groß ist, kommen immer noch genug zusammen, die mit ihrem Cart über den Golfplatz fahren können. Ich habe keine Ahnung von Golf, denke mir das aber so, dass man sich bewegt und ab und zu ein Ball in die gewünschte Richtung geschlagen wird. Hier verstehen die das anders. Die brettern mit den Golfcarts über das Grün bis zu ihrem Ball, steigen aus, machen imponierende Freiübungen und hauen den Ball weg. Dann fluchen sie. Manchmal spielen bis zu vier Menschen auf das gleiche Loch. Keiner benutzt diesen Pin auf den der Ball aufgesetzt wird. Vielleicht sind deshalb mehr Arbeiter unterwegs als Spieler. Die Arbeiter säen, sprühen, mähen und bessern aus.
Schön ist es hier. Wir haben aus dem Internet gebucht und kräftig runtergehandelt. Aber wir zahlen noch immer was. Ich hätte versuchen sollen, ohne Zahlung reinzukommen, nur damit mal jemand lüftet. Also richtig schön in dem Appartment, nur von allem zu viel. Zu viele Tische (sechs), zu viele Fernseher, CD, DVD, und zu hohe Teppiche. Ungezählte Küchengeräte, deren Funktion mir teilweise bekannt ist, zu viel Eis. Zu viele Kissen, zu viele Betten, zu viele Handtücher, zu viele Klos, zu wenig Gemütlichkeit.
Plastikblumen über Plastikblumen – auf Hawai'i!!
Gestern fuhr einer mit dem Rasenmäher auf und ab, als wir auf der Terrasse frühstückten. Er hat seinen Fangkorb nie ausgeleert, denn es gab eigentlich auch nichts abzuschneiden. Was sollen wir sagen, er arbeitet. Heute fährt einer mit einer baggerähnlichen Hebebühne an den Palmen hoch und schneidet Blätter ab. Das scheint auch nötig zu sein, denn könnt ihr euch denken, was sonst mit den Blättern passiert? Die fallen runter. Da ist es doch besser, wenn sie jemand rettet.
Von dieser Art Rettungsaktion ist das ganze Land beseelt. Das verbindet Hawaii mit Dakota. Das verbindet die Indianer mit den Hawaiianern. Früher haben die Hawaiianer am Meer gelebt. In ganz einfachen Hütten. Sie haben Fische gefangen und ihr Leben nach der Natur ausgerichtet. Und könnt ihr euch denken, was mit denen geschehen wäre. Die wären gestorben. Da ist es doch besser, wenn sie jemand rettet.
Ohne Hilfe hätten die Hawaiianer noch ihre Götter im Vulkan (Pele), im Meer, in den Felsen, in der Luft, in den Blumen und in den Wolken, in den Bäumen und im Wasser. Und wisst ihr, wohin die dann gekommen wären? Ja richtig, in die Hölle. Da ist es besser, wenn Sie jemand rettet.
Deshalb sind ja die Missionare gekommen. Jetzt haben die Hawaiianer offiziell nur noch einen Gott – also die, die übrig geblieben sind. Keiner hat die Bevölkerung vor den Missionaren früher jemals gezählt. Man vermutet, es seien 200-900 Tausend gewesen. Jetzt sind etwa noch 5 Tausend (sicher glückliche) Native Hawaiians übrig. Die anderen sind bestimmt im Himmel.
Jetzt lassen wir mal die alten Geschichten ruhen, das ist doch Schnee von gestern. Daran will doch keiner erinnert werden. Das Heute zählt. Und heute ist die „dominant culture“, wie sie sich selbst nennen, auf dem Golfplatz. Crisis, what crisis? „Hi guys, how are you doing?“ „I’m great, and you?“ „I’m fine, couldn’t be better.“
Am zweiten Tag sind wir auf einer neuen Küstenstrasse Richtung Hilo gefahren. Da sieht man leider gar nichts, keine Häuser, keine Beach, keinen Wald. Mindestgeschwindigkeit 40 Meilen. Neben dem Highway kommt man etwas mühevoll zu dem alten Highway, das war der mit den Menschen, den Häusern, den beachparks, dem Urwald. Leider alles verlassen und „for sale“. Es gibt noch eine Parallele zu Dakota. Hier steht praktisch jedes Haus zum Verkauf.
Bleibt die Frage, wo die alle wohnen, denen es gar nicht besser gehen könnte. Oder gehen die gar nicht mehr raus und hier sind nur die paar, denen es gut geht. Dann sind es aber echt nur ein paar, denn fast jedes Haus hier auf dem Golfcourt ist auch zu kaufen.
Vielleicht ist es doch eine Krise, aber dann nur eine ganz kleine. Und für viele ist es gar keine Krise – das sind aber andere, als man vermutet.
An den meisten Tagen waren wir im wirklichen Hawai’i unterwegs. Und das ist der Unterschied, der uns hier auf dem Golfplatz richtig deutlich vor Augen geführt wird. Hier gibt es Amerika und Hawai’i, beides auf jeder Insel: Honolulu und die North Shore auf Oahu, Princeville und Hanalei auf Kauai, Golfclub und Paoha auf Big Island. Bisher haben wir über Internet oder per Telefon gebucht, sind im amerikanischen Hawai’i gelandet und mussten uns das hawai’ianische Hawai’i selbst suchen. Die gute Nachricht ist, es gibt das Hawai’i noch.
Elke hat viel darüber geschrieben über das Hawai’i - die Menschen, die Hawai’i sind und die Natur, die Hawai’i ist.
Ich habe noch nichts über die Schulen geschrieben, dem Hawai’i für die Kinder. Wir haben auf Kauai eine Schule besucht, in der die Kinder hawai’ianisch sprechen und wir haben hier auf Big Island eine Schulorganisation besucht, die 14 Schulen auf der ganzen Insel betreut, in denen die Kinder in ihrer Sprache unterrichtet werden. Wir haben Haunani besucht – die Leiterin der Schule auf Kauai – und sie hat uns das Tonstudio der Schule gezeigt. Dort werden auch die alten Leute eingeladen und ihre Geschichten und Lieder von Hawai’i in ihrer Sprache aufgezeichnet.
Hier schlägt das Herz von Hawai’i und es ist ein großes Herz. Hier haben wir gelernt, dass es den typischen Hawai’ianer in den Augen der Natives gar nicht gibt. Jeder kann Hawai’ianer sein, jeder der Liebe gibt, der die Natur liebt, der großzügig, gastfreundlich, hilfsbereit und bescheiden ist. In unserem Haus am Northshore hing ein Spruch „If you are lucky enough when you are on the beach, you are lucky enough.“ Das ist Hawai’i: „Wenn es Dich glücklich macht am Strand zu sein, bist Du glücklich.“
Haunani ist Hawai’ianerin, Aaron ist Hawai’ianer, Christel ist Hawai’ianerin, Leonard Little Finger ist Hawai’ianer, gestern saß ein Mann im Schatten, er war sicher Hawai’ianer, wir versuchen eine Weile Hawai’ianer zu sein und wir wollen den Kindern helfen Hawai’ianer zu werden. Überall auf der Welt sind Hawai’ianer und wir versuchen ein Netzwerk aufzubauen. Das ist unsere Stärke, da kennen wir uns aus und diese Stärke teilen wir.
So, jetzt wieder zurück zum Golfclub. Hier sind keine Hawai’ianer, aber sehen wir die Menschen doch mal mit hawai’ianischen Augen:
Sicher sind die Amerikaner komisch, aber wir doch auch, nur anders. Letztlich sind sie doch ihrer Kultur ausgeliefert, wie wir auch. Der Bush ist hier aufgewachsen, die großen Betrüger der Finanzkrise sind hier erzogen worden, die Millionen armer Menschen sind hier, aber auch der durchschnittliche Arbeiter, Angestellte und Hilfsarbeiter. Hier ist keiner vom Himmel oder vom Mars gefallen. Das sind Kinder der Gesellschaft. Bei uns ist es nicht anders. Die korrupten Siemens Manager gehören zu uns oder die Manager von Hypo Real Estate, die ihre Provisionen einklagen, selbst die Kinder, die in Schulen mit Messern und Pistolen rumlaufen. Jeder kleine und große Ganove ist Kind einer Kultur, wie jeder andere Bürger und Finanzbeamte auch. Wir sind alle Kinder unserer Zeit. Wer will da richten und werten? Wir können uns für die Fehltritte unserer Bürger der Kultur schämen – das habe ich allerdings noch nicht gehört oder gelesen.
Wer wiil den Menschen hier das Golfen verübeln. Ich meine, hier ist ein Golfplatz. Fangen wir mal anders rum an. Ok, also wer hat den Golfplatz angelegt? Ein Architekturbüro und viele Arbeiter, die haben nämlich den Auftrag dazu bekommen. Hätten die es nicht gemacht, dann eben jemand anders. Aber wer hat den Auftrag erteilt? Vermutlich keine einzelne Person, sondern ein Fonds, der Geld investiert. Und das war gut so, denn an der Stelle war doch nichts, außer schwarzer Lava. Ja stimmt, aber lebten hier nicht mal Hawai’ianer? Das war früher und die lebten auch nur ganz vereinzelt auf dieser Seite der Insel oder sind vielleicht mal durchgezogen. Jetzt sind die doch weg. Moment mal, wenn das deren Land war, muss es doch jemand erworben haben. Das kann man so nicht sagen, die hatten ja gar keine Ahnung von Besitz und Eigentum. Die waren so drauf wie die Indianer. Für sie war es unmöglich, dass Menschen die Erde besitzen können, also gab es das Eigentum an Land eigentlich nicht. Nein, „Eigentum“ hat die westliche Kultur eingeführt und auch bestimmt, dass sie in diesem neuen Konzept die Eigentümer sind.
Und wenn jetzt die Hawai’ianer wieder mit einem neuen Konzept kommen, nach dem sie die Eigentümer der Luft sind und jeder Atemzug bezahlt werden müsste – sagen wir mal mit einem Dollar? Das wäre Unrecht, das kriegen die nie durch. Warum? Das sind doch viel zu wenig Menschen ohne Einfluss, die haben doch gar keine Macht. Das heißt: Macht macht Recht. - So isses.

Ich habe noch ein offenes Ende zu schließen. Das ist die Frage der Krise und wer darunter leidet. Hier ist Amerika und Hawai’i, hier leben Hawai’ianer und Amerikaner, hier trifft die Kultur der Macht und der Naturverbundenheit aufeinander. Hier präsentiert man sich auf dem Golfplatz oder ist glücklich am Strand. Die Amerikaner haben kurzfristig mal einen Vorsprung, weil sie den Trick mit dem Eigentum gebracht haben. Ein Hawai’ianer hat kein Eigentum, hatte kein Eigentum und kann keines verlieren. Der amerikanische Staat schichtet Billionen von Dollar um, mit denen er das Eigentum der wenigen erhalten will. Damit seine reichen Bürger unter dem Sonnenschirm sitzen können und fragen: „Crisis, what crisis?“.
Wenn der Sonnenschirm weg ist und alles andere auch, wenn nur noch Natur übrigbleibt und Land, das keiner mehr haben will, wenn die letzte Mülltüte vergraben ist, dann sitzt ein echter Hawai’ianer am Strand und fragt: „Krise, welche Krise?“